Ostgold: Warum DDR-Musik-Klassiker so viel Tiefe haben
Aktualisiert: vor 7 Tagen

Wenn ich die Akustikversion von „Alt wie ein Baum“ oder „Über sieben Brücken musst du gehn“ anstimme, passiert fast immer dasselbe. Erst summen ein paar Gäste leise mit. Dann steigt einer nach dem anderen ein. Und am Ende singt ein riesiger Chor. In diesem Moment habe vermutlich nicht nur ich Gänsehaut am ganzen Körper. Mit Tränen in den Augen bedanken sich die Menschen danach, und jedes Lächeln, jede Umarmung fühlt sich nach Gemeinschaft an. Nach Familie.
Warum berühren uns DDR-Musik-Klassiker bis heute so sehr? Ich glaube, es liegt an ihrer Tiefe. An Texten, die mehr sagen als ihre Worte, und an Musik, die mit echtem Handwerk entstanden ist. Es sind musikalische Schätze und genau deshalb für mich „Ostgold“. (Programmname)
Zwischen den Zeilen: Texte mit doppeltem Boden
In der DDR konnte kein Liedtext einfach so veröffentlicht werden. Jeder Text musste von einem staatlichen Lektorat genehmigt werden. Was zunächst nach Einschränkung klingt, brachte eine besondere Kunst hervor: Die Texter lernten, mit Mehrdeutigkeit zu spielen. Sie verpackten Sehnsucht, Zweifel und Kritik in Bilder, die jeder verstand, ohne dass sie offen ausgesprochen werden mussten.
Ein schönes Beispiel ist „Du hast den Farbfilm vergessen“. Auf den ersten Blick ein fröhliches Lied über einen missglückten Urlaub. Viele verstanden es aber auch als feinen Seitenhieb auf den grauen Alltag. Auch „Bataillon d’amour“ von Silly, getextet von Werner Karma, steckt voller Andeutungen. Das Publikum las zwischen den Zeilen, und genau das machte die Lieder so wertvoll. Man hörte nicht nur zu, man fühlte sich verstanden.
Wenn Dichter Liedtexte schreiben
Viele Klassiker stammen von Lyrikerinnen, Lyrikern und Schriftstellern. Der Text zu „Am Fenster“ von City wurde von der Dichterin Hildegard Maria Rauchfuß geschrieben. „Über sieben Brücken musst du gehn“ geht auf den Leipziger Schriftsteller Helmut Richter zurück, der zuvor eine gleichnamige Liebesgeschichte verfasst hatte. Den Text zu „Als ich fortging“ von Karussell schrieb Gisela Steineckert. Und in „Alt wie ein Baum“ von den Puhdys lebt ein Gedicht von Louis Fürnberg weiter. Das hört man. Diese Texte arbeiten mit Bildern und Metaphern, mit Stimmungen und Gedanken. Es ging nicht darum, dass sich am Zeilenende irgendetwas reimt. Es ging darum, etwas zu sagen.
Musik mit Handwerk
Auch musikalisch wurde nichts dem Zufall überlassen. Wer in der DDR öffentlich auftreten wollte, brauchte eine staatliche Spielerlaubnis und musste sich dafür einer Einstufung stellen. Gleichzeitig galt ab 1958 die sogenannte 60:40-Regel: Mindestens 60 Prozent der gespielten Musik mussten aus der DDR oder anderen sozialistischen Ländern stammen. Es wurde also viel eigene Musik gebraucht, und sie sollte gut sein.
So entstanden aufwendige Arrangements, ausgefeilte Kompositionen und Balladen, die bis heute zeitlos klingen. Ein Lied wie „Sagte mal ein Dichter“ von Holger Biege zeigt, dass Popmusik im Osten oft echte Kunst war.
Was wir heute manchmal vermissen
Heute entsteht Musik oft in kürzester Zeit, und vieles ist auf den schnellen Hörer ausgelegt. Das zeigt sich schon an der Länge. Ein Hit an der Spitze der Charts dauert heute im Schnitt gerade einmal rund drei Minuten. Wer ins Radio möchte, hält sich besser daran.
Viele DDR-Klassiker hätten diese Grenze nie eingehalten. „Am Fenster“ von City dauert fast sieben Minuten, „Albatros“ von Karat sogar über acht. Auch Frank Schöbels „Wie ein Stern“ kommt auf rund sechs Minuten. Diese Lieder durften sich Zeit nehmen. Für lange Instrumentalteile, für Stimmungen, für Geschichten, die sich langsam entfalten.
Daran ist nichts falsch, dass Musik heute anders funktioniert. Aber viele Menschen sehnen sich wieder nach Liedern, die man nicht nach dem zweiten Hören vergessen hat. Nach Texten, über die man nachdenken kann, und nach Musik, die von Hand gemacht ist. Genau das finden sie in den Klassikern der DDR.
Die bekanntesten DDR-Hits im Überblick
Alt wie ein Baum (Puhdys)
Geh zu ihr (Puhdys)
Wenn ein Mensch lebt (Puhdys)
Über sieben Brücken musst du gehn (Karat)
Der blaue Planet (Karat)
Albatros (Karat)
Am Fenster (City)
Als ich fortging (Karussell)
Wie ein Fischlein unterm Eis (Karussell)
Jugendliebe (Ute Freudenberg und Elefant)
Dass ich eine Schneeflocke wär (Veronika Fischer)
Bataillon d’amour (Silly)
Du hast den Farbfilm vergessen (Nina Hagen)
Sagte mal ein Dichter (Holger Biege)
Wie ein Stern (Frank Schöbel)
Meine besonderen Perlen
„Sagte mal ein Dichter“ (Holger Biege): Ein Meisterwerk der Komposition und ein intellektuelles Goldstück.
„Bataillon d’amour“ (Silly): Für mich das Paradebeispiel für Texte mit doppeltem Boden. Werner Karmas Worte und die unverwechselbare Stimme von Tamara Danz zeigen, wie viel man sagen kann, ohne es auszusprechen.
„Alt wie ein Baum“ (Puhdys): Der Inbegriff von Beständigkeit. In einer schnelllebigen Welt erinnert uns dieses Lied daran, wie wichtig tiefe Wurzeln sind.
„Dass ich eine Schneeflocke wär“ (Veronika Fischer): Pure Poesie und filigrane Zartheit, getragen von einer Ausnahmestimme.
„Als ich fortging“ (Karussell): Ein Lied, das zeigt, dass wahre Gefühle keine Grenzen kennen.
Warum ich diese Lieder weitertrage
Es sind die Lieder, mit denen ich aufgewachsen bin. Sie sind der Soundtrack meiner eigenen Geschichte. Heute laufen sie viel zu selten im Radio. Viele Menschen haben die alten Platten noch, aber keinen Plattenspieler mehr. Wenn ich Titel von Veronika Fischer, Holger Biege, Angelika Mann oder Gaby Rückert anstimme, sehe ich dieses Leuchten in den Augen. Eine längst vergessene Melodie löst plötzlich eine Lawine an Erinnerungen aus. Ich möchte nicht, dass dieses Gold im Keller verstaubt.
Häufige Fragen zu DDR-Musik-Klassikern
Warum haben DDR-Lieder oft so tiefgründige Texte?
Liedtexte mussten in der DDR staatlich genehmigt werden. Viele Texter arbeiteten deshalb mit Bildern und Mehrdeutigkeit. Außerdem stammen viele bekannte Texte von Lyrikern und Schriftstellern.
Was versteht man unter Ostrock?
Ostrock bezeichnet die Rock- und Popmusik aus der DDR. Bekannte Bands sind zum Beispiel Puhdys, Karat, City, Silly und Karussell.
Was war die 60:40-Regel?
Seit 1958 mussten mindestens 60 Prozent der im Radio und bei Veranstaltungen gespielten Musik aus der DDR oder anderen sozialistischen Ländern stammen. Höchstens 40 Prozent durften aus dem Westen kommen.
Kann man DDR-Klassiker heute noch live erleben? Ja. In meinem Programm Ostgold singe ich die schönsten Titel live und erzähle die Geschichten dahinter. Mehr dazu finden Sie auf der Programmseite. (Link: https://www.jeanninehartmann.de/programme/ostgold-ddr-musik)
Jeannine Hartmann ist Eventsängerin aus Neuruppin in Brandenburg und steht seit über 25 Jahren mit Schlager, Ostrock, Pop und Partymusik auf der Bühne.



